Reykjavik by foot

Gestern bin ich in Reykjavik angekommen. Oder Rejkyavik? Es ist verwirrend! Aber schön, so schön hier. Und gemütlich. Reykjavik kommt mir vor wie ein großes Dorf. Dabei ist es eine Großstadt, eine Metropole, eine Hauptstadt. Sieht man ihr nicht an, sie gibt sich bescheiden, und das macht sie sehr sympathisch. Alles ist so weitläufig, die Häuser stehen mit respektvollem Abstand zueinander, lassen üppig Platz für Rasen selbst in der Innenstadt. Überall Parks und botanische Gärten und grün grün grün. Sehr grün. Als Kontrast dazu grüßt schemenhaft am Horizont die isländische Wüste: karge rot-graue Berge ohne jedes Lebenszeichen, gekrönt mit einigen letzten Schneekuppen. Es sieht aus wie auf dem Mond, und Reykjavik ist die einzige lebendige Oase. Und natürlich das Meer. Oh, was für ein Meer. Glatt wie ein Babypopo, selbst bei Starkwind. Und wunderschön tiefblau. Was für ein Bild mit den rot-grauen Felsklippen im Hintergrund. Die Windkategorien haben sich hier anscheinend etwas verschoben, denn wo der Wahlkieler mit Pulli und ordentlicher Fleecejacke sich durch den Wind kämpft, rennen emsige Isländer in kurzen Sportklamotten über die Promenade als wäre das der Sommer ihres Lebens. Oh, was höre ich da?? Der Juni ist jetzt schon so außergewöhnlich warm wie die letzten 50 Jahre nicht mehr? Bei 15°C!? Okay, ich brauche einen Plan B! Wo ist die nächste Schnappsbrennerei? Ach was, ich kuschle einfach bald mit meinen vierbeinigen isländischen Freunden 🙂

Dass Island ein einziges Dorf ist, hat sich mir gestern gleich auf der Busfahrt vom Airport Keflavik nach Reykjavik eröffnet. Erstmal hat der Busfahrer aus dem erwarteten Shuttle-Service eine professionelle Sight-Seeing-Tour gemacht, inklusive stolzer Präsentation des Fußballstadions. Dies scheint hier sehr wichtig zu sein. Nationalstolz in seiner liebenswertesten und urigsten Form. Wer will es den Isländern verübeln? Ich sicher nicht. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte noch ne Extrarunde mit dem vollen Bus zum Hafen gemacht, um weitere Wahrzeichen der Stadt voller Insbrunst zu ehren. Hat er aber nicht. Als der Bus leerer wurde kam ich mit ihm ins Gespräch, ich saß ganz vorne. Er wusste sogar, dass der aktuelle Handballtrainer von THW Kiel aus Island kommt. Seiner Meinung nach trägt dies ganz wesentlich zum derzeitigen Erfolg von THW bei 🙂 Achso, und er kennt die Bauernfamilie meiner Farm Laggafelli persönlich. Persönlich!!! Das könnte natürlich Zufall sein, aber das glaube ich nicht. Nein, nein. Island ist ein Dorf! Er hieß Fossür, oder Fißßyf, oder so. Irgendwas mit F und Ü und ß und weiteren isländischen Zeichen die sich meine Tastatur nicht mal im Traum ausdenken könnte. Füße!

Das war ja alles gestern. Nun mal zu den Fakten.Ich schlafe bis mindestens Montag im Hostel, weil die Bäuerin meinte dass das Wetter gerade so schön ist und ich mir noch ein paar Tage Island anschauen soll bevor ich zu Ihnen komme. Das ist zwar ne faule Ausrede weil sie an Touris überbelegt ist und nicht weiß wo sie mich unterkriegen soll, aber die Gelegenheit ist trotzdem passend. Aber am Montag mache ich mich dann trampend auf zum Hof. Mir wird gerade bewusste, dass ich vorher noch nie getrampt bin. Paul im Abenteuerland 🙂

Heute hab ich Reykjavik zu Fuß erkundet und hab dabei über 25 km hinter mich gebracht. Der Hafen ist sehr süß, hier wird tatsächlich noch Fischfang betrieben. Zur Stadt habe ich ja schon was gesagt. Wie üblich gibt es auch hier die typischen Touri-Spots, die mich eher weniger kitzeln. Dafür verwinkelte Gassen, Wand-Tattoos, Vesper auf der von der Sonne erwärmten Mole, abenteuerliche Waldpfade in den zentralen Parks der Stadt (wo findet man denn sowas!? :D), Kamikaze-Drohnen-Piloten und herrlich viele blaue Lupinenteppiche. Lupinen haben nichts mit dem Vergrößerungsglas gemein, sondern sind sehr widerstandsfähige Pflanzen die aus Alaska eingeschleppt wurden und gerade dabei sind die hiesige pflanzliche Umwelt umzukrempeln. Doch sie tun dies auf wunderschöne Weise!

Achja, die Isländer. Hier fährt jeder 5 km/h UNTER dem Tempolimit. Man hält sofort an wenn jemand an der Straße steht, es könnte ja sein dass eine Straßenüberquerung bevorsteht. Hier hat es keiner eilig. Paradebeispiel: Ein Mittdreißiger schneidet mit einer Heckenschere Hecken. So weit so gut. Die Heckenschere hat den Namen nicht verdient, es ist eher ein Barttrimmer. Oder Nasenhaarschneider. Sie hatte drei Zähne. Kam der Punkt rüber? Und die Batterie pfiff auch schon aus dem letzten Loch. Aber kein Grund für den lässigen Isländer argwöhnig zu werden, er hatte ja nur noch 50 m Hecke vor sich. Und noch das ganze Wochenende Zeit, plus den Feiertag am Montag. Also ganz entspannt.

So viel Neues, Skuriles und Schönes habe ich heute entdeckte dass ich mich gar nicht mehr an alles erinnere… Mir ist noch eine recht große Insel im Gedächtnis geblieben. Nah an der Innenstadt, locker 1,5 qkm groß und sehr gepflegt gemäht. Als Hundespielplatz. Meeeega cool, wofür die isländischen Behörden Geld ausgeben! Das ist wirklich schön und die Leute hier nehmen sowas gerne an. Bei 300.000 Isländern muss die Politik aber auch eher aufpassen was sie tut, denn hier kennt man sich. Jeder weiß wo dein Haus wohnt (-:

Die Isländer und ihre Insel zeigen sich mir bisher von ihrer liebenswerten und äußerst gastfreundlichen Seite. Das gefällt mir. Kann so bleiben!

Das Einzige was nicht so schön ist, ist mein Heimweh. Das ist richtig fies. Vermasselt mir fast die Laune. Ich vermisse mein Zuhause, meine Freunde, und ganz besonders meine wunderbare Toni. Heute verkrieche ich mich im Hostel ganz unsozial in eine gemütliche Ecke und schreibe, denke darüber nach ob es das Richtige für mich ist zu reisen, was ich dafür aufgebe, was ich dabei verpasse, wen ich dabei nicht in meiner Nähe habe. Krasses Gefühl, das hatte ich vorher noch nie so stark.

Und jetzt gibt’s noch ein paar Bilder zum Abschluss.

Das ist der Snaefellnes-Vulkan, er thront völlig schneebedeckt am Horizont.
Mein erster isländischer Wasserfall, mitten in der Stadt.

Leif ist live! Leif Eriksson, der Entdecker Amerikas.

Wir sind zwar im baumärmsten Land der Welt, aber hier werden Baugerüste noch aus Holz gebaut.
Island am Zahn der Zeit: Rasenmäher-Drohne für die Autobahnböschung.

Da komm ich ins Träumen… Es sind nur 1300 Meilen von Kiel nach Island auf dem Wasserweg 🙂

Polarbröd!!!

Das ist diese riesige Hunde-Insel.

Ich gehe jetzt schlafen. Am hellichten Tag, fühlt sich an wie Mittagsschläfchen 🙂

3 Kommentare

  1. Lieber Paul,
    Ich bin begeistert – deine liebevolle und herzliche Sichtweise berührt mich sehr und nimmt mich mit bei deinen Abenteuern.
    Vielen Dank für diese schönen Eindrücke – ich werde dich ganz bestimmt weiterhin begleiten.
    Hab eine wunderschöne, unvergessliche Zeit…
    Bis bald
    Liebe Grüße Bettina

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    • Hey Betty,
      ich freu mich dich an Bord zu haben! Hier muss ich mir ohne deinen täglichen Weckservice den Wecker selbst stellen 😛

      Ganz viele liebe Grüße, Paul

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