Den Dingen auf den Grund gehen

Rhein-Marne-Kanal. Da war er, unser zwangsläufiger Umweg. Nach unserer Besichtigung Touls gestern, wollten wir uns heute dem Kanal stellen. Kleine Sportbootschleusen und ein Tiefgang, bei dem wir lieber unser Echolot gar nicht erst anschalteten, erwarteten uns. Das Wetter war erstmal okay, kalt aber immerhin kein Regen. Unsere Ansprüche ans Wetter verhalten sich eindeutig antiproportional zur Länge unseres Kielwassers 😀

Klappbrücken-Premiere

Die Kanalschleusen waren nach den Mosel-Monstern eine wahre Erleichterung. Nachdem wir unser Anlegemanöver und Leinenmanagement etwas angepasst hatten, waren wir nach 3-4 Schleusen so entspannt, dass auch mal ein Lächeln drin war. Zum Glück ging es erstmal bergauf, das ist unkomplizierter als Abwärts. Man muss nur an den Leinen ziehen, normalerweise verfängt sich hier nichts. Abwärts muss man jedoch höllisch aufpassen, damit die Leine zum Nachgeben immer frei ist. Ein Knoten oder Leinengewurschtel reicht, und Scarlett hinge an der Wand in der Luft. Die Leine würde das nicht halten, Scarlett würde runterplumpsen, zerschellen, das Wasser würde nach oben spritzen und die Schleuse zerstören, die gerissene Leine würde zurück schießen, einem den Arm abreißen und eine nukleare Kettenreaktion auslösen, was im dritten Weltkrieg enden und die Menschheit auslöschen würde (so jedenfalls fühlt sich unsere Anspannung dabei an).

Ein typischer Aufwärtsschleusengang sieht so aus: Langsam unten reintuckern und mit der Mittelklampe an der Leiter festmachen. Dann klettert Toni die 2 – 3 m hoch und ich werfe die Vor- und Heckleine nach oben. Toni schnappt sich eine und legt sie über den Poller, während ich die Mittelklampe wieder befreie, schnell nach oben klettere und die zweite Leine über einen anderen Poller lege. Dann zieht einer von uns an der blauen Selbstbedienungsstange, die Tore schließen sich und Wasser strömt ein. Während unsere Hübsche steigt ziehen wir die Leinen nach. Wenn Scarlett dann oben ist und die Tore aufgehen, machen wir die Leinen los, legen ab und düsen weiter zur nächsten Schleuse. 15 Minuten dauert sowas, wenn alles gut geht.

Ein typischer Abwärtsschleusengang sieht so aus: Langsam oben reintuckern, abbremsen auf Null, wir springen beide mit jeweils einer Leine an Land und legen sie um die Poller. Ziehen an der Stange, die Tore schließen sich und Scarlett sinkt langsam. Dabei geben wir Leine nach, und zwar so, dass wir Scarlett schön nah an der Wand und mittig zwischen uns halten. Kaum ist sie unten und die Tore öffnen sich, nehme ich beide Leinen während Toni runterklettert und die Mittelklampe an der Leiter belegt. Ich mache dann beide Leinen los und lasse sie aufs Deck fallen, bevor auch ich nach unten klettere. Dann ablegen und los.

Die meisten Schleusen sehen richtig schön alt und zerfallen aus, Retro-Charme in Frankreich! Schleusentore, die dicht sind, sieht man hier eher selten.

Hier gab es so viele Schleusen, dass man beim Ausfahren aus einer Schleuse oft schon die nächste und manchmal sogar übernächste Schleuse vor sich sehen konnte. 15 Schleusen und genauso viele Kilometer pro Tag im Schnitt, daran würden wir uns gewöhnen müssen.

Neben der Klappbrücke gab es eine zweite große Premiere: ein Tunnel. Für über 800 m ging es durch die Dunkelheit und den Berg. Sowas macht man nicht allzu oft in seinem Seglerleben! Wirklich beeindruckend, äußerst eng und hoch konzentrationsfordernd.

Am liebsten wären wir ewig im Tunnel geblieben, denn draußen war mal wieder Lieblingswetter angesagt…

Doch wir machten eine wirklich großartige Entdeckung: es gab hier im Kanal haufenweise kostenlose Anleger. Beinahe jedes Dorf hatte seinen eigenen Anleger, mit Platz für 2 bis 6 Boote. Strom gab’s dort nicht, und Wasser war wegen der Jahreszeit auch abgestellt, aber hey: who cares!? Wir mit unserem Pennerboot sind ja bestens für Autarkie gerüstet. Also fast.

Das Boot dort hinten lag da schon länger und war verlassen, was uns auf tolle Gedanken für Weihnachten brachte.

Als kleinen Appetitmacher auf’s Mittelmeer wurden wir an diesem Anleger mit glasklarem Wasser begrüßt. Toll! Da sieht man gleich, dass hinter der Schraube das Antifouling vom Ruder gepustet wurde. Im Frühjahr werden wir Scarlett wohl mal trocken legen müssen.

Weiter ging es bei noch mehr Lieblingswetter. Dies war so toll, dass es die Stimmung und Motivation eindeutig beeinflusste.

Egal, hier verzagt uns keiner. Stattdessen fahren wir über eine Brücke, die über eine Straße und die Meuse (Maas) führt. Das war schon äußerst beeindruckend 🙂 Die Fender haben sich auch über etwas Freigang gefreut.

An diesem Tag hat es echt nur geschifft, und wir hielten die Strecken recht kurz. Die verlockende Wärme unter Deck und das Versprechen von heißem Kaffee mit Stollen waren ziemlich überzeugend.

Abends wurde dann gestrickt und der Raketenofen weiter verfeinert, und mit den Erfahrungen der beiden Prototypen sowie dem jetzt hier an Bord sichtbaren Bauraum angepasst. Na, ob das was wird?

Der Hafenmeister in Metz hatte uns schon ja schon vorgewarnt… Die Kanalfahrt würde wie das Durchfahren von Pudding werden. Das holte uns nun ein und traf uns mit voller Kraft. Beim Ausfahren aus einer der Schleusen dachte ich so vor mich hin, hey wir sind aber langsam! Vielleicht noch 3 Knoten. Kaum umgesehen und die Übeltäter waren identifiziert: Wir fuhren durch einen Algenwald. Oh Gott, gleich ist bestimmt die Schraube zu. Doch wir hatten Glück, immer wenn Scarlett sich schüttelte weil die Schraube voller Schlingpflanzen war und mit Unwucht lief, half ein beherztes Rückwärts-Vorwärts-Vollgas, und sie schnurrte wieder.

Und zack, der nächste Tunnel. Diesmal: 5 Kilometer lang.

Oh, ich hab noch gar nicht erzählt wie das hier läuft mit den Schleusen und ihren Wärtern. Man meldet sich am Tag zuvor für den nächsten Tag bei VNF per Telefon, damit sie die Schleusen auf dem entsprechenden Streckenabschnitt vorbereiten. In der ersten Schleuse des Tages kommt dann ein VNF-Männchen vorbei, stellt sich kurz als der persönliche Schleusenwärter des Tages vor und begleitet einen dann mit seinem weißen Auto von Schleuse zu Schleuse. Wenn wir dann irgendwann im Laufe des Tages beschließen wo wir anhalten wollen, teilen wir ihm das mit und er meldet uns gleich für den nächsten Tag bei der Zentrale an.

In dem nun durchfahrenen Tunnel war das jedoch so, dass uns der Schleusenwärter im Tunnel auf seinem Rad begleitet hat 😀 Das war eine schöne 10km Radtour durchs Dunkle für ihn, vorschriftsmäßig mit Helm und Licht.

Auch diesen Tag haben wir recht kurz gehalten, denn es war kalt und regnete. Hätte echt keiner gedacht vom Winter, sowas blödes 😛

Ich hab die freie Zeit noch genutzt um den Konterblock für den Bugspriet mit der Japansäge zu fertigen. Hartholz wie Robinie mit der Hand zu sägen ist ein richtiger Spaß… Irgendwann gegen 21 Uhr war ich dann fertig, und die verärgerten Nachbarn konnten sich wieder hinter ihren Gardinen verziehen.

Auf auf und weiter! Da es die ganze Zeit eigentlich regnet (kein Regen ist die Ausnahme und Sonne ist gerade Utopie), füllen sich die Kanäle spürbar. Anscheinend benötigt VNF etwas Zeit um darauf zu reagieren, denn manche Schleusen waren bis an den Rand gefüllt. Da wird dann abfendern zum Kunststück.

Hier werden Fender sinnlos…

Nach einer der unzähligen Schleusen kamen wir in ein Kanalstück, in dem eindeutig das Wasser abgelassen war. Das Ufer war etwa 30cm über dem Wasserspiegel kahl und dreckig. Kurz haben wir mal den Schlick geküsst, aber sonst kamen wir hier ganz gut durch. Nach ein paar Hundert Metern wurde an der Böschung gebaggert und der Kanalrand befestigt… Aha, deshalb also die Wasserstandsabsenkung. Wie gut, dass wir mit unseren 1,40m Tiefgang noch etwas Sicherheitsabstand zu den „garantierten“ 1,80m Kanaltiefe haben 😉

Ein bisschen später dann das:

Ein schöner langer Baumstamm lag quer im Kanal. Den Schleifspuren in der Borke nach waren schon einige Boote über ihn drüber geömmelt. Mit unserem Kiel konnte Scarlett eigentlich nichts passieren, also Halbgas und los. War nicht so erfolgreich, als der Stamm querab war blieben wir stecken. Rückwärts kamen wir zum Glück gut raus, und dann hat uns auch schon unser Schleusenwärter gesehen. Er rief seinen Chef an und meinte zu uns, die Kettensäge kommt. Doch erstmal kam der Chef nach 5 Minuten persönlich vorbei, und meinte: Ja, wir brauchen wohl wirklich eine Kettensäge. Ach nee… Keine 10 Minuten später war der Kettensägenmann von VNF dann da, doch die anderen beiden waren schon wieder spurlos verschwunden. Der gute Mann tat uns herzlich leid, wie er sich da fluchend abmühte den Baumstamm alleine aus dem Wasser zu ziehen. Gerne hätte ich ihm geholfen, doch ich hatte meine Mühe Scarlett unvertäut und bei Gegenwind in der Mitte des Kanals zu positionieren. Kann man nix machen, außer bei einer Tasse Tee den Leuden beim Arbeiten zuzuschauen 😛

Mal wieder fuhren wir durch Pudding aka Unterwasser-Dschungel. Das war schon gruselig, ständig hörte man wie die Schraube Algen pürierte. Wir fühlten uns wie auf dem Rhein, langsamstes Vorankommen bei voller Fahrt.

Schließlich, im vorletzten Kanalstück vor unserem angepeilten Liegeplatz in Ligny, setzten wir direkt nach dem Ausfahren aus dem Schleusenvorhafen auf. So richtig. Nagut, war nur unter langsamer Fahrt, aber trotzdem. Wieder war äußerst deutlich der Wasserspiegel gesenkt worden. Diesmal jedoch ohne ersichtlichen Grund, die nächste Schleuse war schon in ca. 500 m zu sehen. 500 m? Das muss doch zu schaffen sein! Also Toni aufs Vorschiff sodass das Heck etwas hoch kommt, rückwärts zum Schwungholen raus und mit ordentlich Anlauf und Vollgas rauf auf den Buckel. Kurz dachte ich das wär’s jetzt, doch sie rutschte drüber. Doch was war das? Scarlett war zwar spürbar freier als auf dem Buckel, doch noch immer ruckte und schlotterte sie. Ja, es war einfach durchgängig zu flach hier. Mit der nächsten Schleuse in Sichtweite und dem Gashebel auf Anschlag sind wir langsam vorwärts gezuckelt. Bis zur nächsten Schleuse schlitterte Scarlett durch den Schlick, Lenken war teilweise unmöglich. Doch irgendwie kamen wir zur Schleuse. Kaum drin und sie schwamm wieder frei. Oh man, das war ne Zitterpartie!!! Wir sind den Dingen wirklich auf den Grund gegangen 😛 Ein Glück dasss wir einen Langkiel mit ordentlich Gussgewicht unten dran haben, da fallen ein paar Schrammen nicht weiter auf. Nach der Schleuse war der Wasserstand wieder normal, als wäre nichts gewesen…

So sieht ein Deck aus wenn man den ganzen Tag im Regen auf matschigem Schleusengelände herum rennt.

Angekommen in Ligny kam die Sonne kurz raus. Wir wollten das klare Wasser eigentlich nutzen um mal die Schraube zu inspizieren, doch der Unterwasserdschungel ließ es nicht zu.

Anyway, wir waren da, es gab Strom, und am nächsten war ein Pausentag geplant. Das Leben machte wieder Sinn!

Den Pausentag haben wir damit verbracht, angemessen lange auszuschlafen, ein bisschen weiter zu stricken und an der Ofenkonstruktion zu tüfteln, und ins Schwimmbad zu gehen. Eine Dusche war mal dringend wieder nötig. Im Schwimmbad angekommen und nach einer ausgiebigen Waschaktion bereit für ein paar Bahnen, kam der Bademeister mit erhobenem Zeigefinger auf mich zu. Oha! Meine Badehose wäre nicht angemessen. Bitte was!? Das war ne normale Badeshorts, wie sie jeder Hinz & Kunz trägt. Ob ich hier im Urlaub sei? Ja. Na dann sei das für dieses Mal okay, doch fürs nächste Mal müsse ich mir was Ordentliches kaufen. Was ordentliches? Ja, es seien nur enganliegende Hosen zugelassen. Oh Gott… Er hat dann sogar auf ein paar Männerhintern gezeigt um mir Beispiele zu demonstrieren. Zum Glück hatte ich meine Brille nicht auf 😀 Also, für’s nächste Mal dann ne Borat-Hose! Wie schön dass wir andere Kulturen kennen lernen auf unserer Reise.

Und dann kam heute. Wir wollten weiter bis Bar-Le-Duc, sind extra früh aufgestanden. Doch beim Frühstück und dem obligatorischen Check des Wetterberichts, in Verbindung mit dem hier verfügbaren Landstrom, haben wir diesen Plan schnellstens verworfen und einen zweiten Pausentag eingelegt. Denn es war zwar schönster Sonnenschein und blauer Himmel angesagt, aber eben auch Windstärken über 6 Bft. Also schön sachte, wir sind ja nicht auf der Flucht 🙂

Heute Nachmittag hat noch ein weiteres Sportboot hinter uns festgemacht. Unglaublich, wir sind nicht alleine. Der gute Mann konnte fast nichts mehr sehen vor grauem Star, und ich hatte meine Mühe ihm beim Anlegen die Leinen abzunehmen und gleichzeitig seine Mühle von Scarlett abzuhalten. Er war aber echt nett, kramte eine Flasche Portwein und Chips hervor und gesellte sich für ein paar Minuten zu uns in den Salon. Schweizer war er, sein Leben lang Seemann auf Penichen und jetzt zum Spaß in den Kanälen unterwegs. Im Sommer sei es ihm zu voll hier. Es war beeindruckend, wie gut wir uns mit einem Mischmasch aus gebrochenem Französisch, Deutsch, Holländisch und Englisch verständigen konnten. Zu unserer großen Freude hat er uns den Portwein dagelassen 🙂

Heute

Somit ist es soweit, jetzt ist jetzt, das Foto hier drüber ist von heute Nachmittag. Das ist noch eine Premiere, zum ersten Mal seit Island ist unser Blog aktuell!!!

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