Grüner wird’s nicht

Nach zwei Pausentagen mit schönstem Sonnenschein, kostenlosem Landstrom (ein Hoch auf den Heizlüfter!) und Windstärken, die uns zur Ruhe zwangen, machten wir uns wieder auf den Weg. Die Schleusen sollen schließlich nicht einrosten, wenn sie keiner benutzt. Wir ließen eine halbe Stunde Sicherheitsabstand zu unserem älteren fast blinden Freund mit seinem Motorboot. Das Schleusen an sich konnte ja schon aufregend sein, daher wollte ich nicht unbedingt mit zwei Booten schleusen.
Das Wetter war bestens (also 8°C und kein Regen – wir sprachen ja schon über unsere gesunkenen Anforderungen ans Wetter 😀 ) und nach den Verschnauftagen machte das Schleusen und Fahren wieder richtig Spaß. Unsere Motivation war wieder da!
Wir schafften 16 Schleusen und 2 Hebebrücken. Ein- bis zweimal telefonierten wir mit Schleusenwärtern, da die Schleuse festhing, endlos Piepsignale von sich gab oder die Ampel „gesperrt“ anzeigte. Aber wie gewohnt warteten wir nur einige Minuten bis jemand kam und das Problem löste.

Zwei Lichter übereinander sind eher suboptimal, da gesperrt
Hebebrücke
Hebebrücke
mhh lecker Schleusenwand
gruseliger Nebel voraus

Am Abend landeten wir in Bar-le-Duc. Dort war ein kleiner Hafen, der letztendlich nur aus drei Liegeboxen direkt an der Fahrrinne bestand. Im Sommer stell ich es mir hier ziemlich voll und nervig vor. Aber wir kriegen jetzt zu dieser Jahreszeit immer ein schickes Plätzchen. Der Hafen gehört zu einem Campingplatz und auch hier standen ziemlich viele Wohnmobile. Irgendwie schön zu wissen, dass auch andere zu dieser Jahreszeit lieber unterwegs und draußen sind. Wir sprachen mit einem jungen Franzosen, der mit seinem Wohnmobil auf dem Weg nach Portugal zum Überwintern war. Ein Fachsimpeln über Heizungen, Öfen und Solaranlage inklusive.
Am nächsten Morgen sollten wir noch vor den eigentlichen Öffnungszeiten der Schleusen losfahren laut Schleusenmeister. Eine Brücke auf unserem Weg sollte repariert werden und wir könnten es noch bis Mittags durch schaffen, wenn wir früher losfahren. Da wir nicht wirklich verstanden wie lange die Brücke gesperrt ist, irgendwas zwischen morgen und 3 Wochen hätte es seien können, machten wir uns pünktlich auf den Weg. Unser älterer Freund fuhr erst später los, da er noch was einkaufen wollte. Ich war darüber ziemlich erleichtert. Allein schleusen ist doch einfach entspannter. Wir hatten nur einen halben Fahrtag vor uns bis zu dem Steg, den wir uns für unsere längere Weihnachtspause ausgeguckt hatten. Also easy peasy…

Oder auch nicht, denn der bisher glasklare Kanal wurde von Schleuse zu Schleuse brauner, dreckiger, algiger und süffiger. Neben einem toten Reh vor der Schleusenkammer sahen wir auch noch ein totes Nutria in der Schleusenkammer schwimmen. Das war wirklich traurig und schrecklich es während des Schleusens zu beobachten. Der wahre Knackpunkt waren die letzten beiden Schleusen vor unserem auserkorenen Steg.
Schon vor der Schleuse war ein sehr dicker Algenteppich, der an der Oberfläche schwamm, zu sehen. So ein paar Teppiche von abgerupften schwimmenden Algen kannten wir ja schon, aber hierbei handelte es sich um viel mehr Algen. Paul versuchte möglichst geschickt die Schraube drehen oder eben nicht drehen zu lassen, damit sie sich nicht komplett zusetzt. Aber auch in der Schleusenkammer war alles voller Gras bzw. Algen und durch das Ablassen des Wasser während der Schleusung sammelte sich alles vor dem Schleusentor, durch das wir rausfahren wollten. Aber vor dem Rausfahren musste erstmal der Servicemensch gerufen werden, da das grüne Zeug das Schleusentor blockierte. Der gute Mann warf einen Blick in die morastige Schleusenkammer und seine Augen wurden größer. Mhh anscheinend soll das nicht so grünlich aussehen. Nachdem er uns das Tor geöffnet hatte, machte er einen energisch klingenden Anruf und griff dann selbst zur Grünzeug-Forke. Inzwischen versuchten wir durch das dicke Grün, das sich vor dem Schleusentor gesammelt hatte zu kommen. Wir fuhren an und schoben uns langsam vorwärts bis wir stehen blieben. Joah da war das Gras wohl stärker bzw. hatte sich dicht um unseren Propeller gekuschelt. Wie gut, dass wir einen Bootshaken haben. Ich stand auf dem Vordeck und versuchte diesen irgendwie an der Schleusenmauer einzuhaken und uns so vorwärts zu ziehen und später zu schieben. Oh man. So „agil“ waren wir ja noch nie aus einer Schleuse gefahren.

Wir schafften es irgendwie raus und versuchten dann die Schraube mit Vorwärts- und Rückwärtsgang wieder einigermaßen freizukriegen. Das gelang aber unser Kühlwasser machte uns nun Sorgen. Unser Motor zieht Wasser von außen ein und kühlt somit den internen Kühlkreislauf unseres Motors. Danach wird es hinten wieder rausgespuckt. Aber genau da kam kaum noch Wasser raus. Ergo kam unten kein Wasser mehr rein, das unseren Motor kühlt und er lief Gefahr zu heiß zu laufen. Eher ungünstig…Also Motor aus in der Hoffnung, dass der Dreck nur außerhalb hängt und dann vom Ventil abfällt, wenn kein Sog mehr da ist. Das hat auch erstmal funktioniert. Es kam zwar nicht so viel Wasser wie gewohnt aber erstmal okay. Also auf zur nächsten und letzten Schleuse. Hier war genau das selbe Spektakel angesagt. Mit Bootshaken aus der Schleuse ziehen und danach kein Kühlwasser mehr. Zweimal Motor an und aus. Danach gings dann im Standgas die letzten 500m bis zum Steg, um den Motor nicht unnötig zu überhitzen. So ein Mist! Die Algenteppiche sind in den Schleusen einfach locker bis zu 1,50m tief und somit setzen sie die Ventile zu. Das ist wirklich garnicht lustig! Zum Glück wollten wir an dem Tag nicht weit und haben es gerade so zu unserem Steg geschafft. Weiter hätten wir unter den Umständen eh nicht fahren können.
Später sahen wir, dass ein großer Laster mit Schaufel von VNF mobilisiert wurde, um aus einigen Schleusen schaufelweise das Grünzeug rauszuholen. Das hat bestimmt der energische Anruf unseres Schleusenmeisters ausgelöst. Trotzdem sah es danach aus wie vorher. Es scheint ein nie endender Kampf zu sein. Dennoch grollten wir an diesem Tag etwas gegen die VNF-Leute. Schnell sind sie zwar bei Problemen, aber die Sauberkeit der Schleusen ist gerade wirklich eine Katastrophe und ziemlich gefährlich für unseren Motor. Später ereilte die Toilette noch das selbe Schicksal. Auch sie konnte kein Wasser mehr von außen ziehen und ist vermutlich mit Grünzeug zu. An dem Steg waren wir abends unglaubliche drei Sportboote. Und wir dachten schon, dass wir allein da unterwegs sind. Die anderen Bootsbesitzer hatten ähnliche Probleme mit den Algen und ihren Motoren und so grollten wir wenigstens gemeinsam.

Aber wir freuten uns wie Bolle über unseren Liegeplatz. Es gab noch genau einen Platz für uns direkt am Steg, es gibt Strom, hier liegt noch ein anderes Boot zum Überwintern und nebenan gibt es Hühner. Also alles super und das war sehr beruhigend. Schließlich wollten wir Scarlett hier ein paar Tage allein lassen, um an Weihnachten zu unseren Familien zu fahren. Wir sind super froh gerade auf einem Kanal unterwegs zu sein, bei dem der Wasserstand reguliert wird und wir daher von den momentanen Überflutung des vielen Regens in Frankreich verschont bleiben. Der Nachbarfluss unseres Kanals sieht nämlich garnicht gemütlich und viel zu voll aus.

Für den Fall, dass der Steg nicht passend ist, hatten wir uns einen Puffertag eingeplant. Da der nicht nötig war, konnten wir nun ausschlafen, lecker französisch Frühstücken und Scarlett auf unsere Abwesenheit sowohl technisch als auch emotional vorbereiten. Da die Sonne sich mal wieder zeigte, machte ich mich daran das Deck zu schrubben, was längst überfällig war nach den dreckigen Schleusen. Richtig geglänzt hat unsere Gute. Ich freue mich schon aufs Mittelmeer, wenn das Decksweiß auch mal weiß bleibt für länger als 10 Minuten. Das steht ihr nämlich richtig gut.

Paul hatte eine weniger schweißtreibende aber Kältestarre fördernde Arbeit vor sich: Tauchen!
Vor einigen Tagen hatten wir ein Seil in unserer Schraube entdeckt. Das könnte der Grund für die gelegentliche Unwucht an unserem Propeller sein. Keine Ahnung wie lange das da schon drin ist aber aufjedenfall muss es raus. Wir haben es einige Abende vor uns hergeschoben. Mal war das Wasser nicht klar genug, mal das Heck nicht am Steg und manchmal war da auch einfach keine Lust. Aber dank der verstopften Ventile gab es nun keinen Ausweg mehr. Einer musste runter und das in Ordnung bringen. Brrrr…Nach dem Anlegen des großen Schwarzen ging es runter in den Algenwald. Statt klarem Wasser gab es braune Brühe. Der erste Tauchgang zur Schraube war sehr erfolgreich! Tadaa da war der Übeltäter. Ein fettes über einen Meter langes Seil, das sich um unseren Propeller geschlungen hatte. Zusätzlich zu einigen Algen, die aber mit einem Messerschnitt entfernt waren. Es war wirklich eiskalt und die Kälte bohrte sich in Pauls Kopf und machte das denken schwer. Also schnell alles hinter sich bringen. Weiter ging es mit dem Kühlwasserventil für den Motor. Das sitzt leider so tief unten in der Bilge, dass Paul es unter den kalten und dreckigen Umständen nicht finden konnte. Die dritte Baustelle war das Toilettenventil, dass von außen völlig frei war. Mist also ist das Grünzeug schon zu weit drinnen in der Leitung. Diese zwei Projekte werden dann wohl im neuen Jahr von uns angegangen. Aber wir haben es versucht. Schnell hab ich dem schwarzen zitterenden Fisch an Bord geholfen und ihm den Heizlüfter direkt an die Füße gestellt. Ein wahrer Held!

Paul in Kampfmontur
einer der Übeltäter

Ich kämpfte an diesem Tag noch mit meinem Ehrgeiz meinen Islandpulli bis zur Abreise fertig zu stricken. Und ich hab gewonnen! Tadaa!

Am nächsten Tag holte uns Pauls Mama mit dem Auto ab. Diese Lösung hatten wir ein paar Tage zuvor ausgeklügelt, da es garnicht so einfach ist aus den Pupsdörfern, an denen wir uns gerade langhangeln, nach Hause zu fahren. Vor allem nicht, wenn sich Frankreich im Generalstreik befindet. Bis zu Pauls Eltern waren es 4 Stunden mit dem Auto und wir sind sehr dankbar, dass seine Mama das auf sich genommen hat. Nach einem gemütlichen Frühstück an Bord gings los Richtung Deutschland. Das Gefühl Scarlett allein zu lassen war nun deutlich entspannter als in Koblenz. Sie lag in einem Kanal ohne großartige Pegelveränderungen, die Leute ringsherum wussten Bescheid, sie liegt mit einem anderen Boot da und nicht vor Anker. Beste Vorraussetzungen!
Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Bus weiter nach Berlin zu meinen Eltern. Paul blieb bei seinen Eltern über Weihnachten und wollte sich seinem heiß geliebten Ofenprojekt nochmal näher widmen. Wir hatten schon fleißig Material dafür bestellt und besorgt…Ich bin mir sehr sicher, dass ihr das Ergebnis und den Werdegang hier detailliert von ihm erklärt bekommt 😉

Wir hatten jeder sehr schöne Weihnachtstage und genossen die kleine Bootspause, unsere Familien und den Tapetenwechsel. Schon ziemlicher Luxus so fließend Wasser aus dem Hahn und immer eine warme Dusche. Aber bald kann es auch wieder losgehen! Batterien sind aufgetankt und leuchten grün!

Wir freuen uns sehr, dass ihr euch immer wieder die Zeit nehmt unsere Worte zu lesen und unseren Abenteuern zu folgen. Eure Reaktionen und Kommentare, die auf den verschiedensten Wegen zu uns finden, lassen uns immer wieder schmunzeln. Das motiviert uns so sehr beim Schreiben und Berichten von unseren Alltäglichkeiten. Manchmal muss sogar erst ausgefochten werden, wer den Beitrag schreiben darf, weil wir beide schon unsere „Version“ im Kopf haben.

Vielen Dank dafür!!

Zum Schluss wünschen wir euch einen guten Rutsch in euer neues Jahr.
Lasst euch nicht stressen. Eigentlich geht es ja nur darum, dass letzte Jahr nochmal an einem vorbeifliegen zu lassen und mit Freude und Kraft ins nächste Jahr zu stolzieren. Denn 2020 hält für jeden von uns garantiert neue Abenteuer, Herausforderungen und wunderschöne Momente bereit. Wir können es kaum erwarten.


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