Mittlere Eiszeit

Zu der kommen wir gleich, alles der Reihe nach!

In Bologne – nicht zu verwechseln mit Bolognese (es ist das „se“ am Ende 😉 ) – gab es den bisher hervorragendsten Boulanger unserer Reise. Das ist nicht gelogen! In diesem kleinen Kuhkaff hat anscheinend jemand seine Passion in freien Zügen ausgelebt und unglaublich gutes Baguette gezaubert. Und das Beste: Es gab vier zum Preis von drei. Goooiil!!! Also bin ich am Morgen unserer Abfahrt noch fix dort hin gescharwenzelt und habe mir von dem noch dampfenden Gold etwas eintüten lassen.

Dann ging es los, über 20 Schleusen waren geplant. Das Wetter versprach mit einem eiskalten aber wunderschönen Wintertag aufzuwarten. Echtes Kaiserwetter eben!

We had a dream! 20 Schleusen. Die Realität sah jedoch ganz anders aus: 1 Schleuse (aber 3 Schleusungen). Denn es kam wie es kommen musste: EIS.

Kaum in der zweiten Schleuse angekommen, kam ein nettes VNF-Männchen und hat ein paar Belanglosigkeiten mit uns ausgetauscht. Wirklich äußerst zuvorkommend, dachten wir, denn er wartete die ganze Schleusung und sogar noch bis wir hinaus gefahren waren. Seltsamerweise waren wir bis zu dem Zeitpunkt des Verlassens der Schleuse nicht auf den Gedanken gekommen, uns mal die Strecke direkt oberhalb der Schleuse etwas genauer anzuschauen. Als es dann soweit war, war es zu spät. Scarlett schoss schon quietschfidel und in voller Fahrt aus der Schleuse hinaus, als Toni von vorne schrie: „Stoooopp, hier ist alles gefroren!“. Da krachten wir auch schon mit beinaher voller Fahrt ins Eis. Alles krachte um uns herum, doch das Eis gab recht brav nach. Trotzdem, volle Fahrt rückwärts und anhalten. Da standen wir, keine 20 m hinter der Schleuse, und hatten Scarlett’s ersten Eisbrechereinsatz vollführt.

Wir hatten schon vorher ein bisschen über das Fahren durch Eis recherchiert, und kamen zu dem Schluss, dann dies unserer Hübschen unnötig zusetzen würde. Selbst wenn das Eis dünn ist und bricht, so hinterlässt es doch kräftige Kratzer und Schleifspuren im Lack. Und wenn man einfach weiter fährt, auch im Gelcoat und dann im GFK. Das wäre äußerst unschön, teuer und mit viel Arbeit verbunden.

Die Gedanken an eine angekratzte Scarlett schossen uns in dem kurzen Eisbrechereinsatz blitzartig in den Kopf, und die Geräusche, die Scarlett im Eis verursachte, untermauerten die Argumente auf äußerst prägnante Weise. Also im Stand gewendet, und zurück in die Schleuse. Der nette Schleusenmeister war noch da, und weil die Schleuse verrückt spielte, schleuste er uns manuell runter. Er meinte auch, dass er uns absolut verstünde und wir uns nur das Boot im Eis kaputt machen würden (ich bin ein bisschen stolz diese Konversation mit ihm auf französisch einigermaßen verstanden zu haben 😛 ). Der nette Mann hat dann seinen großen Plan herausgeholt, auf dem alle aktuellen Boote und Schiffe auf dem Kanal eingetragen waren, und meinte, uns würde in ein bis zwei Tagen eine Peniche überholen. Die brettert durchs Eis weil sie aus Stahl sei, und vielleicht könnten wir uns ja an sie ran hängen. Dann wäre das Eis gebrochen! Nagut.

Wieder mal hatten wir mega großes Glück, denn genau hinter der Schleuse lag ein kostenloser Anleger, keine 50 m entfernt. Und malerisch war es obendrein, als wir da vor einem alten Taubenschlag festmachten. Leider gab es außer der malerischen Kulisse dort sonst nicht viel, noch nicht mal einen Bäcker… Dazu später mehr 😉 Dank unseres Ofens waren wir dort aber recht autark und konnten es ganz gut aushalten 🙂

Nun, das Wetter war fantastisch, bis auf die Kälte. Um unsere Neugier zu stillen, den Sonnenschein zu genießen und eventuell ein zwei Dinge zu besorgen, radelten wir am Kanal entlang nach Chaumont, dem nächsten Städtchen. Die Drahtesel sind zwar nicht mehr die Jüngsten, doch die knappe Stunde Fahrt haben sie gut überstanden.

Dabei sahen wir auch den sehr breiten Tunnel, der noch auf uns wartete. Er maß 18 m und war 300 m lang, und darin konnten sich sogar Schiffe begegnen.

Allerdings mussten wir zu unserer großen Ernüchterung feststellen, dass ausgerechnet das Schleusenstück in Chaumont, welches den dortigen Hafen beinhaltete, so richtig derbe zugefroren war. Davor waren die meisten Kanalstücke frei, seltsamerweise war das Wasser nur an einigen Stellen gefroren. An ein weiterkommen am nächsten Tag war also kaum zu denken…

Bisamratten oder Nutrias… Zum Glück hat Scarlett hohe Bordwände!

So hieß es warten! Und das in einem Örtchen ohne Alles, selbst der Internetempfang war grottig. Also nix mit Arbeiten oder Blog schreiben, obwohl ich die Zeit so gut hätte nutzen können… Dafür haben wir dann andere Projekte angegangen. Holz hacken, zu unserem Lieblingsbäcker in Bologne radeln, Dinge reparieren, the real shit!

Es war schon sehr beeindruckend zu merken, wie entspannt unser Leben mit dem Ofen geworden ist. Die Tatsache, dass da im Prinzip nur ein Feuer in einem Rohr brennt, im Vergleich zu der anfälligen Diesel-Luftheizung die wir ja vorher nutzten, lässt einen ziemlich sorgenfrei die Kälte durchstehen. Kein Bangen ob des sinkenden Batteriestandes, kein blutendes Herz für jeden teuren Liter Diesel, der sich da in Rauch auflöst… Dazu noch die wirklich angenehme Strahlungswärme und das Kaminfeeling im Salon, und das ständige Fauchen unserer kleinen Rakete, einfach fantastisch! Wir haben es bisher kein einziges Mal bereut, die Mühe und das Geld in unseren Ofen investiert zu haben und ihn einzubauen. Einmal pro Stunde Holz nachlegen, manchmal zwischendurch ein bisschen in der Glut stochern, fertig 🙂

Irgendwann nach unserem Weihnachts-„Winterlager“ war unser mitgebrachter Holzvorrat aufgebraucht, und wir kümmerten uns um das Heranschaffen neuen Brennmaterials. Ziemlich schnell stellte sich bei uns ein Blick für gutes Sammelholz ein: abgeschnittene Äste, die im Geäst des noch lebenden Baumes frei hingen. Das war anscheinend die beste Trocknungsposition, denn Astholz am Boden war eigentlich immer zu nass. Nun, das führte dann dazu, dass wir während der Schipperfahrt ständig nach links und rechts in die Baumreihen zeigten, um auf gute Brennholzquellen aufmerksam zu machen. Oft kam die Ernüchterung dann aber beim Anlegen, denn auch wenn man den ganzen Tag bestes Holz sah, am Anleger sah es oft mau aus… Das war trotzdem okay, da wir meistens für mehrere Tage im Vorraus sammelten und somit recht flexibel waren. Es ist schon beeindruckend, wie kuschlig warm es in unserer Scarlett mit ein paar dünnen Ästchen werden kann 🙂 Trotzdem war es natürlich Arbeit das alles zu Sammeln, und es ging mancher Abend dafür drauf, durch die Bäume zu streifen und danach das Holz am Kai zu zerkleinern.

Wir kamen sogar mit zwei netten älteren Anglern ins Gespräch, die direkt neben uns ihr Glück versuchten. Nach anfänglicher Schüchternheit obsiegte ihre Neugier, und ich lud sie glücklich ein, sich mal unseren Ofen im Salon anzuschauen. Sie beide schauten nicht schlecht, als sie Toni im Shirt herumlungern sahen. Man konnte Ihnen anmerken, dass sie dachten wir würden bei dem Wetter draußen frieren und ganz dick eingemurmelt im Boot ausharren. Stattdessen gab es ganz viele „oh, wow, très chaud, très chaud!“ 🙂

Oh, und wir haben das gusseiserne Waffeleisen ausprobiert. Es war fantastisch!!! Nach anfänglichen Vorbehalten wegen der Größe und dem eh schon knappen Stauraum an Bord, wollen wir es jetzt nicht mehr missen. Von wegen Müsli falls kein Bäcker in der Nähe ist – jetzt gibt’s Waffeln ❤

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie viele Tage wir dort fest hingen… Ich glaube es waren mehr als 5… Und das alles bei bestem Sonnenschein und nachts den tollsten Sternenhimmeln. Erst als Wolken und Regen aufzogen, konnten wir wieder hoffen. Doch erstmal hieß es: weiter warten! Wir sind in dieser Zeit täglich zum nächsten Kanalstück gepilgert um das Eis zu checken. Jedesmal sagte man sich: Okay, das ist jetzt so dünn, und es ist heute tagsüber und nachts so warm, dass wir morgen auf jeden Fall fahren können. Pustekuchen, das Eis wich nicht! Stattdessen vertrösteten wir uns Tag für Tag, ein echter Stimmungskiller. Wie konnte das sein, dass trotz warmen Wetters und am Ende sogar Regen, es so lange dauern konnte bis diese hässliche mickrige Eisschicht schmelzen würde!? Schließlich saß uns die angekündigte Schleusensperrung in der oberen Saone im Nacken, und wir wollten da durch sein bevor es in zwei Wochen soweit war. Naja, ich glaube in dieser Zeit haben wir ganz gut realisiert, wie sinnlos Zeitpläne und Hektik sind. Es hat sich einfach irgendwann ein gechillteres Gefühl eingestellt, und hinterher fühlten wir uns weit weniger getrieben als davor.

Dann, nach zwei ganzen Regentagen, versuchten wir unser Glück. Wir hatten ausgecheckt, dass es hinter der Schleuse nicht mehr vereist war, und wir hatten Hummeln im Hintern. Also los, rein da, rauf da, raus da und … oh, was ist das? Zwei Kurven weiter war immernoch alles voller Eis. Das gibt’s doch nicht!!! Grrrr. Also wieder zurück. Diesmal nahmen wir jedoch nicht mehr die Schleuse nach unten, sondern legten kurz oberhalb an einem Poller für Penichen an. Nicht der beste Spot, doch wir setzten drauf, am nächsten Tag weiter zu können.

Noch einmal nutzten wir die Gelegenheit für ausgedehnte Spaziergänge, und haben endlich auch mal das hübsche Örtchen etwas näher erkundet.

Neuer Tag, neues Glück. Dies war dann schon die dritte Nacht in Folge mit über +5°C, wird doch wohl passen, oder wat!? Zur Sicherheit radle ich noch einmal die ganze Strecke bis nach Chaumont und zurück, um auch wirklich auf Nummer sicher zu gehen dass wir nicht umsonst losfahren. Alles war frei! Nice, also nichts wie zurück und los. Toni machte in der Zwischenzeit schonmal klar Schiff und alles bereit zum Ablegen. Auch das Wetter war mir hold, denn an diesem regnerischen Tag hat es ausgerechnet in den zwei Stunden meiner Radtour nicht geregnet. Das kann nur gut werden!

Bis nach Chaumont waren es ja nur 5 Schleusen, wir sind keine zwei Stunden geschippert. Dort angekommen, lockte gutes Internet und eventuell eine echte Hafenstruktur mit Duschen. Weiter wäre es an dem Tag eh nicht mehr gegangen, da es aufgrund meiner Radtour schon recht spät am Tag war und der nächste Anleger nach Chaumont auf sich warten ließ. Nun gut, wir kamen an, alles war prima (bis auf den geschlossenen Hafen und seine nicht in Betrieb gewesenen Duschen) und wir hatten wieder ein kleines Stück zum warmen Mittelmeer geschafft.

22. – 28.01.2020

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