Champagner…

…der so schön hat gekribbelt in deine Bauchnabel 😉

Voller Tatendrang nach unserer Enteisung und der Angst einer neuen Eiswelle machten wir „ordentlich“ (soweit dies möglich ist mit so vielen Schleusen) Strecke am nächsten Tag. 28 km, 15 Schleusen und eine Hubbrücke später machten wir in Rolampont fest. Am nächsten Tag ging es nach Langres. Da hatten wir dank Google eine Waschstation entdeckt. Das sollte die letzte stadtnahe Erfahrung bis zum Ende des Champagnerkanals sein. Danach wartete nur noch Dorf, Wald und Wiese. Also macht wir nur einen kurzen Tag und legten in Langres an. Wäsche waschen war dringend nötig und Proviant- und Holzbeschaffung ebenfalls.

Leider regnete es furchtbar, aber wir wollten weiter. Also Augen zu und durch! Ich machte noch einen kleinen Ausflug in die Stadt, da es dort ein Strickgeschäft geben sollte und ich immernoch verzweifelt auf der Suche nach Ersatzstricknadeln war, um Pauls Pulli endlich weiter zu stricken. Das war mir sogar einen Anstieg von einigen Höhenmetern im Regen wert. Langres ist eine alte Festungsstadt, gut beschützt durch Mauern und hoch auf einem Berg. Aber das lohnte sich. Zwar nicht für die Stricknadeln aber für den Anblick der Stadt. Im Sommer muss das eine sehr schöne Atmosphäre sein. Jetzt waren die Straße leer gefegt und nur hier und da huschten ein paar Menschen durch den Regen von A nach B. Ich glaube ich bin ziemlich herausgestochen mit meinem hellorangenen und überdimensionierten Regencape.

Anschließend traf ich Paul im Gewerbegebiet außerhalb der Stadt zum gemeinsamen Wäsche waschen. Leider waren die Automaten auch draußen und brauchten Ewigkeiten für unsere Wäscheberge. Da hilft nur sich ganz dicht an die Scheibe des Trockners zu kleben und dessen Wärme zu nutzen. Vollgepackt mit Lebensmitteln und frischer Wäsche ging es mit unserem selbstgebauten Handwagen wieder zurück zum Boot.

Am nächsten Morgen warteten die letzten zwei Schleusen bergauf unserer Reise und unser zweiter 5km Tunnel. Hier hat der Kanal seinen höchsten Punkt und gleichzeitig ist das die europäische Hauptwasserscheide. Ab hier fließt alles ins Mittelmeer und nicht mehr in die Nordsee. Ab jetzt schwimmen wir mit dem Strom und werden irgendwann im Mittelmeer ausgeschwemmt. Naja so mit ganz viel Fantasie. Natürlich sind da noch super viele Schleusen und in den Kanälen auch erstmal kein Strom, aber später dann auf den Flüssen irgendwann. Dieser Gedanke und die Durchquerung des Tunnels machte etwas mit uns. Wir hatten das Gefühl jetzt schonmal auf der richtigen Seite zu seien und es waren auch nur noch 43 Schleusen bis zum Ende das Kanals. Es läuft!

riesige Turbinen zur Belüftung des Kanals

Nach dem Tunnel waren wir auch in einem anderen Department. An der ersten Schleuse befand sich eine VNF-Zentrale, von wo aus die Schifffahrt und die Schleusen koordiniert werden. Hier tummelten sich einige Mitarbeiter. Einer zog für uns an der Stange der Schleuse und machte uns gerade noch rechtzeitig darauf aufmerksam, dass die Schleuse einen Hub von 5 Meter statt der üblichen 2-3 Metern hatte. Paul konnte gerade noch eine Ersatzleine von Deck schnappen und damit seine Leine verlängern. Beim Bergab-Schleusen weiß man eben nie genau wie weit die Reise so geht. Die nächsten elf Schleusen gehörten zu einer Schleusenketten. Sie bereiteten sich selbstständig vor sobald wir die Schleusung in ihrem Vorgänger aktiviert hatten und lagen gerade mal 600m auseinander. Es stellte sich heraus, dass der Schleusenplan, den wir am Anfang von dem Kanal bekommen hatten überhaupt nicht stimmte. Jede Schleuse funktionierte anders (mal manuell, mal mit Fernbedienung und mal mit Detektion) und man kann festhalten, dass es nie so ist wie es im Plan steht 😉

Die letzten 43 Schleusen hatten wir ruckzuck erledigt. Der Blick auf die niedrigen Temperaturen in den nächsten Tagen spornte uns an. Wir wollten auf keinen Fall nochmal einfrieren und unbedingt von den Höhenlagen des Kanals weg und ab ins Tal. Wir hielten in Dommarien und St. Seine-sur-Vingeanne bis wir am letzten Kai des Champagnerkanals in Maxilly-sur-Saône ankamen.

Nun hielten uns nur noch 2 Kilometer von der für uns ersten Schleuse der Saône ab. Wir entschlossen uns wegen miesem Wetter einen Pausentag zu machen. Nachts hatte es ziemlich gestürmt und dementsprechend gering war unser Schlafpensum ausgefallen. Bei Spaziergängen zur Saône beäugten wir den hohen Wasserstand und die Strömung des Flusses. Wir waren uns nicht ganz sicher, ob wir solch einen Anblick einfach nicht mehr gewohnt waren nach unseren friedlichen, strömungsfreien und gleichpegeligen Kanälen oder ob der Wasserstand wirklich ziemlich hoch war.

Am folgenden Tag riefen wir bei VNF an und fragten, ob die Saône befahrbar wäre oder ob Hochwasser herrscht. Die Frau meinte das sei schon okay und die Peniche, die heute morgen in den Kanal gefahren ist, hatte ja auch anscheinend keine Probleme. Diese Schwammigkeit der Aussage hätte uns gleich komisch vorkommen sollen. Naja aber wenn die nette Behördenfrau das sagt, dann gehts los.

Wir absolvierten die allerletzten zwei Schleusen auf unserem Kanälchen und warfen unsere Fernbedienung in die Box der letzten Schleuse. Mir werden die Kanäle definitiv fehlen. Irgendwie habe ich mich so behütet und sicher gefühlt. Klar nerven die ganzen Schleusen und vor allem das An- und Abmelden jeden Tag beim VNF. Aber überall gab es freie Anleger und keiner der „Häfen“, die meist nur aus einer Kaimauer für 6 Boote bestand, hatte offen. Einigermaßen autark muss man aufjedenfall sein können, um diesen Kanal im Winter zu packen, da Strom und Wasser überall abgestellt sind.
Der Kanal führte uns direkt durch kleine Winzdörfer und vorbei an großen Grundstücken sodass es immer was zu gucken gab und nicht selten lag der Anleger mitten im Wald im Nirgendwo. Zu nahezu jeder Schleuse gehört ein großes Schleusenhaus von ca. 1881, wo früher der Schleusenmeister gewohnt hat. Nicht alle sind heute mehr bewohnt aber die meisten. So standen wir beim Schleusen quasi in den Vorgärten der Bewohner und hatten immer was zu gucken.
Wir wurden nett durch VNF betreut und sie halfen uns Trinkwasser zu beschaffen. Hätte es Motorprobleme gegeben wären wir einfach an den Rand des Kanals getrieben und wahrscheinlich im Sand aufgesetzt. Aber erstmal sicher und keine Strömung die einen weiterzieht. Wir konnten selbst bestimmen wann unsere Schleusung einsetzt durch das Ziehen an der Stange und kein Schleusenmeister aktivierte die Schleusung bevor wir bereit waren. Es gab super wenig andere Boote, so dass man nie mit einem vollen Kai rechnen musste und wenn man mal ein anderes Boot gesehen hat, hat man sich unglaublich gefreut und sich unweigerlich gefragt, was die hier wohl machen. Alles in allem ein riesiger weicher warmer Wattebausch, in dem es allerdings nur recht langsam voran geht. Aber etwas vermissen werde ich ihn trotzdem.

Einwurf der Fernbedienung

Und dann verließen wir den Canal entre Champagne et Bourgogne und bogen in die erste Schleuse der Saône ein. Die war ganz easy, da sie ebenfalls von uns bedient wurde und nur einen Hub von 1,8m hatte. Dann bogen wir auf die strömende und sprudelnde Saône ein. Immer noch sah alles überschwemmt aus und wir starteten mit einem Affenzahn von 9-10 Knoten. Die Strömung schob uns so stark an bzw. zog sie uns viel eher mit. Mir war das alles nicht geheuer. In mir breitete sich ziemliche Angst aus. Alles an den Ufern war überspült, einige Schwimmstege standen in die Höhe und man konnte sehen, dass das Wasser deutlich höher war als normalerweise. Mein Kopf durchspielte Worst-Case-Szenarien in denen wir nie wieder anhalten konnten, da uns der Strom immer weiter zieht und alle möglichen Anleger überspült sind. Ich saß da und hoffte, dass wir es bald geschafft haben und einfach anlegen können. Drei Stunden und eine weitere Schleuse weiter legten wir in Auxonne am kostenlosen Stadtanleger an. Die Schwimmstege waren zum Glück massiv und trotzten dem Wasserstand. Puhhh das war ein holpriger Start in die Flusswelt.

Am Nachmittag killten wir eine Flasche Pseudo-Champagner (Sekt) um das Ende des Kanals zu feiern. Die Sonne schien und wir saßen seit langer langer langer Zeit mal wieder auf dem Deck. So richtig ohne Winterjacke und nur so zum Spaß und empfanden ziemliche Vorfreude auf den weiteren Weg gen Süden.

Besänftigung der Flussgötter

28.01-05.02.2020

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