Unser Ernst?

Da waren wir also in Les Roches-de-Condrieu im Hafen gestrandet. Erst am 18. März sollte die Schleuse in Sablons vorraussichtlich wieder öffnen. Wir hatten unseren Liegeplatz für einen Monat gezahlt, also konnten wir bis zum 25. März bleiben. Der Hafenmeister meinte aber auch schon, dass wir gerne länger bleiben konnten, Platz gab’s genug! Und wir wollten ja eh 2-3 Wochen in Avignon liegen um die restlichen Projekte anzugehen. Tun wir das doch einfach hier.

Es sollte anders kommen…

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass uns ein seltsames Phänomen betrifft. Immer dann, wenn unsere Pläne crashen, brauchen wir einen ganzen Tag um uns an die neue Situation zu gewöhnen. Das war im Eis so, das war in Vienne so, und das war hier auch der Fall. Ein ganzer Tag miese Laune haben, absolut keine Motivation, rumfleetzen in der Koje und Netflix schauen… Danach ging es wieder, und man hatte innerlich die durchkreuzten Pläne verabschiedet und kümmerte sich um die Realität.

Nachdem das wieder einmal überstanden war, nahmen wir uns zusammen und begannen unsere Projekte, Gedanken und Vorhaben zu ordnen.

Als erstes schaute ich mir die Gasanlage an. Und oh, es stellte sich ziemlich schnell heraus, dass sie komplett hinüber war (bis auf den Gasherd/-ofen). Die Leitungen vom Gaskasten zum Ofen waren grün vor Oxidation, der Gaskasten marode, nicht mehr geschlossen und zu klein für 11kg Gasflaschen. Wir haben zwar immer (!) nach dem Kochen die Gasflasche zugedreht, trotzdem war das nur ein Provisorium. Und wir brauchten eine Lösung, mit der wir sicher und unabhängig waren (und die nicht nur kurzfristig gedacht war). Nagut, fix einen neuen Schlauch gelegt und das alles zugespachtelt, dachte ich. Ob ich mal schnell recherchieren sollte, welche Regeln und Normen es dazu gibt? Das tat ich, und öffnete damit ein Faß! Ein riesiges Faß. Zwei Tage Online-Recherche, Telefonate mit Gasprüfern, Durchwühlen von DIN-Normen, Gesetzen, etc… machten mich zwar ein gutes Stück schlauer was Gas-Installationen an Bord angeht. Allerdings verdeutlichte es auch, dass dieses Thema keineswegs mit ein paar neuen Schläuchen, überschaubarem Budget und ein paar wenigen Stunden Arbeit zu stemmen war. Oha, der Schock saß tief! Ein paar Tage später war dann ein Plan ausgearbeitet, Warenkörbe gefüllt und Bestellungen abgeschickt.

Nächstes Thema: Überarbeitung unserer Elektrik-Installation. Wir hatten ja schon in Kiel neue Batterien besorgt, die sollten nun in unser bestehendes System integriert werden. Zwei Tage Arbeit hatten wir so Pi mal Daumen veranschlagt. Ein bisschen recherchieren belehrte mich eines Besseren. Allein die Recherche und Planung verschlang Tage. Uns rann die Zeit durch die Finger, und wir sahen nicht, wie wir das stoppen konnten.

Dazu kam, dass wir beim Anlegen beobachtet hatten, dass sich eins der Motorlager gelöst hatte. Das Gummi war nicht mehr fest mit der Metallhalterung verbunden. Also mussten früher oder später die Motorlager getauscht werden, am besten alle, am besten sehr viel früher als später, am besten bevor wir auch nur einen Kilometer weiter fahren sollten. Kurzer Check was die Ersatzteil kosten würden… und am besten gleich die Decke ganz hoch über den Kopf ziehen und die Welt da draußen vergessen.

Ganz zu schweigen davon, dass wir wahrscheinlich einen Riss in einem unserer Spanten im Rumpf hatten. Im besten Fall musste dieser „nur“ neu laminiert werden, im schlimmsten Fall war das Holz verrottet und der Spant musste neu eingezogen werden. Es war zum Verrücktwerden.

Achso, und unser Bugspriet fing an zu reißen. An den Klebungen und am Stirnholz. Ging eigentlich überhaupt noch etwas gut!?

Ständig entdeckte ich etwas neues, was an Scarlett repariert werden könnte. Hier platzte der Lack ab, dort war etwas notdürftig geflickt und unter einer Schicht Farbe versteckt worden, da wurde mal was gefuscht und rächte sich jetzt, hier zeichnete sich eine aufwändigere Reparatur ab… Lange haben wir sowas alles auf später geschoben. Doch jetzt waren wir bei diesem „Später“ angekommen, und das Ausmaß erschlug uns.

Ich weißt nicht wie ich das rüberbringen soll… Es war niederschmetternd. Ich verlor vor lauter Zahlen, Kosten, Zeitaufwand, Versandkosten und Werkzeugbedarf das Ziel aus den Augen. Der Hoffnungsstreifen eines aufregenden Abenteuers im Mittelmeer verblaßte, stattdessen erschienen unüberwindbare Gewitterwolken am Horizont.

Draußen regnete es, und war kalt. Während wir in unserem 2 x 2 Meter großen Salon saßen und uns immer öfter fragend anstarrten.

Es wurde klar, dass die angesetzten 2-3 Wochen in Avignon völlig utopisch gewesen waren. Was hatten wir uns dabei gedacht, was hatte ich mir dabei gedacht!? 2-3 Monate würden eher hinhauen, und dabei einen großen Teil unseres verbleibenden Reisebudgets auffressen. So eine Scheiße!

Plötzlich waren sie da, die lange verdrängten aber angestauten Zweifel.

Was hatten wir uns dabei gedacht, einfach ein altes Boot zu kaufen und mit diesem loszufahren!? Ohne es zu kennen, ohne es für unsere Reise ausgerüstet zu haben, ohne Vorbereitung, nur einer fixen Idee folgend. Was hatten wir für ein riesiges Glück gehabt, überhaupt bis hierher gekommen zu sein? Was hätte alles schief gehen können mit einem unbekannten Boot, einer Maschine die wir nicht einschätzen konnten, auf dem Rhein, der größten Binnenschiffahrtsstraße Europas, mit unzähligen Situationen wo ein Ausfall des Motors wirklich brisant hätte werden können (zwar nicht unbedingt für unser Leben, aber für beinahe unser gesamtes Hab & Gut). Auf Saone und Rhone mit hohem Wasserstand und bis zu 5 kn Strömung…

Und was lag noch vor uns? Das Mittelmeer, im Winter und Frühling voller Stürme und Mistral und im Sommer voller sau-teurer Marinas. War es überhaupt möglich, nur in Ankerbuchten auszukommen? Würde uns nicht unser verbliebenes Erspartes wie Wasser durch die Finger ringen, und wir nach zwei Monaten völlig ausgebrannt Scarlett zurücklassen müssen. Irgendwo in einem teuren Hafen an Land, um zurück zu reisen und Geld zu verdienen, mit dem wir die Liegekosten für Scarlett abzahlen müssten. Oder sie dort verkaufen zu müssen.

War es das wirklich wert? All diese Zeit und das viele Geld zu investieren, um ein paar Wochen durch unbekannte Gewässer zu schippern, seekrank zu werden, so viel Zeit in Scarlett investieren zu müssen. Könnten wir überhaupt genießen was wir sehen? Würden wir vereinsamen? Wie verlockend war auf einmal Kiel, die Heimat, unsere Freunde, ein normales Leben… Dazu kam die Angst, eine wachsende Angst vor den Ungewissheiten des Meeres, Angst um den Mistral, Nachtfahrten, Marinakosten, und der Ungewissheit dessen was vor uns lag.

Wie sollten wir das schaffen? Wie bezahlen?

Doch am schwierigsten war diese eine bohrende Frage: Ist es das alles wert?

Wieso hatten wir ausgerechnet diese Art des Reisens gewählt? Wieso nicht einfach einen Bus gekauft, ein bisschen ausgebaut und durch die Welt getingelt? Ohne den Mehraufwand für die sichere Fahrt über’s Wasser, ständigem Reparieren und Basteln, ohne Abgeschiedenheit vom Land, und ohne Abhängigkeit von Häfen und Liegeplätzen – oder irgendwann Ankerplätzen, die hoffentlich existieren würden.

Warum verkauften wir nicht Scarlett, und sei es nur für die schmerzende Hälfte des Anschaffungspreises, und verbrachten mit dem restlichen Budget ein paar entspannte Monate in Südostasien? Gab es nicht so viel Schöneres, mit dem wir unsere Zeit verbringen konnten?

Ist es das wirklich wert?

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