Tragische Verstrickungen

Wir können es immernoch nicht richtig fassen, dass wir schon wieder festhängen.
Aber eins nach dem anderen…

Erstmal haben wir unseren wunderschönen Naturanleger neben dem Wehr verlassen. Frühstück gab es vorher noch im Sonnenschein direkt vorne an der Wehrkante, dann hieß es Leinen los und hoffentlich nicht von der Strömung eingesaugt werden!!!

Wir drangen nun immer weiter in das Herz des Juras vor. Tief grün bewachsene Hänge, durchbrochen von schroffen Felswänden, umgaben uns. Dazwischen ein paar romantisch gelegene Häusschen am Fuß der Berge, Klettersteige direkt am Wasser und enge Flußwindungen. Es war traumhaft schön!

Zwei kurze Tunnelstücke waren zu durchqueren. Der erste, kurz von Besancon, war mit einer modernen Lichtinstallation versehen worden. Und als kleiner Gag waren künstliche Wasserfälle an Ein- und Ausgang angebracht, die hoffentlich rechtzeitig durch eine Lichtschranke abgeschaltet wurden.

Ein bisschen nass war die Ausfahrt dennoch!

Der zweite Tunnel verlief direkt unter der Zitadelle von Besancon hindurch. Dieses krasse Bauwerk auf den Felsen über der Stadt war ziemlich beeindruckend! Hier gab es auch unsere erste Schleuse, die in einem Tunnel lag 😀

Es gab wieder mal das ein oder andere Wehr, welches man so dicht passieren musste dass einem beinahe schwindelig wurde. Die Seitenströmung hier war nicht ohne, Scarlett wurde ein wenig zickig und kam das eine oder andere mal ganz schön ins schlingern… Aber es ist alles gut gegangen, und mit jedem Wehr haben wir uns mehr daran gewöhnt.

Das Ziel für den Tag war Deluz. Kurioserweise vergrößerte sich die Gegenströmung auf dem Doubs immer weiter. Gegen Ende des Tages kam es uns vor wie damals auf dem Rhein… und die Logge gab uns leider Recht, nur noch 2,5kn über Grund. Doch die Landschaft entschädigte für alles 🙂

Ungewohnt starke Gegenströmung

Doch irgendwann hatten wir es geschafft. Es war mal wieder ein richtig langer, schöner Tuckertag mit über neun Stunden. Glücklicherweise fanden wir im Hafen noch einen einzigen freien Platz, und nach einem Telefonat mit dem Hafenmeister durften wir sogar umsonst liegen. Hab ich jedenfalls so verstanden am Telefon 😛 Und neben uns lag ein ganz toller Held, ein kokainabhängiger Pirat, dessen Wohnboot heftig nach Gras roch.

Hier wollten wir eigentlich einen geplanten Pausentag machen, nach 7 Tagen Strecke machen. Wir waren wirklich wirklich schnell gewesen, und bevor uns die Puste ausging wollten wir wieder durchatmen. Gerade die Flusstücke auf dem Doubs waren nervlich ordentlich schlauchend.

Doch ausnahmsweise waren sich mal alle verschiedenen Wetterdienste einig: es sollte in den kommenden Tagen heftigst regnen. Wir hatten davon gehört, dass der Doubs sehr empfindlich auf Regen reagiert, und Hochwasser innerhalb weniger Stunden entstehen können. Da es nur noch rund 1,5 Tage bis nach L’Isle-sur-le-Doubs waren, rafften wir uns zusammen und verschoben den Pausentag. Ab L’Isle-sur-le-Doubs gab es nur noch Kanalstücke, die man – bis auf extreme Ausnahmen – auch problemlos bei Hochwasser befahren konnte.

Der Plan war also: so schnell wie möglich nach L’Isle-sur-le-Doubs kommen, um dort dann vom angekündigten Starkregen unabhängig zu sein. Aufgrund der beschränkten Anlegemöglichkeiten planten wir erst den halben Fahrtag und danach den ganzen Fahrtag ein. Also auf nach Baumes-les-Dames!

Noch einmal führte uns der Rhein-Rhone-Kanal mitten durch wunderschöne Berglandschaft.

Der Doubs war immernoch strömig und strudelig. Teilweise war die Fahrbahn so eng abgesteckt, dass ich gegen die Strömungstrudel richtig am kurbeln war hinten am Steuer, um ja nicht auf die felsigen Untiefen aufzulaufen.

Kurz vor Baumes-les-Dames führte der Wasserweg wieder in ein Kanalstück. Hier sollte uns jedoch nicht nur haufenweise Grünzeug erwarten…

Nein, als wir durch die Schleuse durch waren trauten wir unseren Augen kaum: Dutzende, nein Hunderte von Schmeißfliegen in unserem Salon, im Schlafzimmer, im Bad, in der Vorkoje… Alles war schwarz und summte nervtötend laut. Während ich die Lage noch kaum begreifen konnte, wurde Toni schon zur Furie und schlug mit Handtuch und Collegeblog wie wild um sich. Das bescherte mir zwar einen kleinen Lachkrampf, doch sie hat meinen großen Respekt dafür dass sie bis zum Ende des Tages sogut wie alle erledigt hatte. Sie ist sogar extra für ne Fliegenklatsche abends noch in den nächsten Supermarkt gelaufen. Dank ihr konnten wir einigermaßen schlafen. Doch auch der nächste Morgen brachte kein Ende ihrer Mordlust, und noch vor der Weiterfahrt waren wir fliegenfrei.

Der Hafen war ziemlich klein und unspektakulär. Wir legten längsseits an einer kleinen Wand an, und profitierten auch hier davon, dass das Hafenbüro noch nicht wieder geöffnet hatte.

Der nächste Tag sollte unser letzter verbleibender Tag auf dem Doubs werden. Die Strecke war schon nicht ohne, deswegen klingelte der Wecker auch ganz früh. Was soll ich sagen, 6 Uhr aufgestanden, um 8 konnte es losgehen.

Doch halt, was war das? Ich wollte gerade Scarlett’s Herz zum Leben erwecken, als ein kleines Motorboot an uns vorbeizog und in die Schleuse fuhr. Mist, also doch nochmal ne viertel Stunden warten. Leider kam es anders. Die Schleuse schloss erst ewig nicht hinter dem Motorboot, und der Skipper rannte schon hoch zum Schleusenhäuschen um eine Fehlermeldung abzugeben. Doch dann schloss sie doch, und wie durch ein Wunder konnten sie ausfahren. Juchu, dachten wir, jetzt sind wir dran.

Zu früh gefreut! Als wir mit unserem Telecommander die Schleuse öffnen wollten, zeigte dieser eine Fehlermeldung an. F@4k! Immerhin stand da auch, dass VNF automatisch verständigt wurde. Na immerhin, dann wird ja gleich einer kommen… Pustekuchen!!! nach einer guten halben Stunde rief ich dort an, wurde ein paar mal weitergeleitet, und erreichte schließlich eine Mailbox. Also hin zum Schleusenhäuschen, und an der orangenen Notfallbox angerufen. Der gute Herr am anderen Ende der Leitung meinte mürrisch, dass er jemanden schicken wird. Nagut. Wir warten. Und warten. Und warten. Ne Stunde später reißt mir die Geduld und ich nutze nochmal die orangene Notfallbox. Diesmal ist eine freundliche Frauen dran, auch sie verspricht dass sie gleich einen Mechaniker losschickt. Nagut. Wir warten. Und warten. Nix passiert. So ein Mist! Irgendwann reichte es und Toni lief zur Schleuse und zog einfach mal an der blauen Schleusenstange. Und oh wunder, die Schleuse öffnete sich für uns. Krass! Wir also nix wie rein da, und festmachen. Doch dann: wieder ne Fehlermeldung. Aaaargh… Zum Glück fahren da zwei VNF Autos vorbei. Der erste winkt noch ganz freundlich, doch beim zweiten winken wir so energisch, dass er anhält. Da er sofort merkt dass wir festhängen, kommt er und bedient die Schleuse manuell. Als ich ihm sage dass wir schon drei Stunden gewartet haben, ist er völlig perplex und entschuldigt sich, dass sei absolut nicht normal. Er wusste auch nichts von der Störung, er kam nur zufällig auf dem Weg in die Mittagspause hier vorbei. Sein Arbeitsplatz war nur wenige hundert Meter kanalabwärts… Aaargh, was stimmt denn nicht mit dieser Behörde !?!? Wenigstens war er sehr nett, und hat sich mit uns über seine Kollegen geärgert.

Also dann, Ausfahrt Schleuse um 12 Uhr. Gut dass wir so früh aufgestanden waren… Hoffentlich (!!!) würden wir es schaffen nach L’Isle-sur-le-Doubs. Für den nächsten Tag war der Starkregen angesagt, doch schon an diesem Abend sollte es schauern.

Es gab dann noch ein weiteres Problem mit einer anderen Schleuse. Hier mussten wir zwar nur ne halbe Stunde warten, doch wie bescheuert war es dass diese beiden Vorfälle genau an dem Tag passierten, an dem wir wirklich dringend unser Tagesziel erreichen mussten!?

Und dann kam’s ganz dicke. Etwa 10km und 5 Schleusen vor L’Isle-sur-le-Doubs – unserer Erlösung – öffneten sich die Schleusen des Himmels über uns. Wir waren gerade in einer Schleuse als es anfing zu gewittern, und beim Ablegen sah man kaum noch die Hand vor Augen. Zum Glück gab es hinter der Schleuse einen Warteponton, den wir halb blind ansteuerten. Hat auch alles geklappt, und nach kurzem Sammeln unter der Kuchenbude, war es auch ein Stück weit fantastisch Teil dieser Naturgewalt von Sommergewitter zu sein 🙂 Fix hatten wir die Klamotten gewechselt, denn wir waren nass bis auf die Unnerbüchs. Es regnete wie aus Küblen.

Nach einer halben Stunde ließ es etwas nach, was uns in die unschöne Situation brachte entscheiden zu müssen wie es weiter ging. Das war nämlich gar nicht so eindeutig… Es waren schließlich nur noch 10km und 5 Schleusen bis zum Glück. Auf der anderen Seite war die Zeit auch mehr als knapp geworden, Punkt 19 Uhr beenden die Schleusen ihren Dienst. Dazu kam, dass es weiterhin aus allen Richtungen donnerte – eigentlich zu gefährlich. Und die Geschichten die man so hörte, wie schnell der Doubs bei Regen anstieg, hallten noch nach. Es hatte gerade echt ordentlich runtergemacht. Würde das schon genügen für stark steigende Wasserstände? Doch am nächsten Tag sollte es doch noch so viel heftiger regnen, den ganzen Tag lang. Dann würde das Wasser sicher steigen. Es waren echt nur noch 10 km… Die Entscheidung war schwer!

Ich entschied zu bleiben. Dem Risiko eines schnell strömenden Doubs wollte ich uns nicht aussetzen.

Also blieben wir über nacht an dem Warteponton. Das war offiziell nicht erlaubt, am Ponton stand ein fettes Schild: Anlegen verboten, nur als Warteposition für die Schleuse. Egal, wird schon passen! Es passierten auch abends noch einige VNF Autos, ohne sich für uns zu interessieren.

Am nächsten Morgen war der Wasserstand wider Erwarten noch nicht signifikant gestiegen. Doch es regnete durchgängig in Strömen. Wir entschieden, weiter zu warten. Hier direkt oberhalb der Schleuse waren wir sicher, draußen auf dem Doubs in der Strömung und ohne Anlegemöglichkeit, mit dem drohenden Hochwasser im Nacken, blieb uns kein Handlungsspielraum falls irgendetwas schief gehen sollte. Also warten und nochmal im Bett umdrehen.

Gegen Mittag wurde dann ziemlich klar, dass dies nun unser unfreiwilliger Pausentag werden sollte. Die Pegel waren doch noch rapide angestiegen, nun war an weiterfahren nicht zu denken. Vielleicht ja am nächsten Tag…

Nachmittags hörte es irgendwann auf zu regnen, und wir nutzten die angenehm lauen Temperaturen in der Sonne zum Spazieren und Joggen.

Ja, und heute ist der Wasserstand immernoch kaum gefallen, es schauert ständig mal zwischendurch, und zu allem Übel flatterte heute mittag eine Mail von VNF ins Postfach: Sperrung der Schifffahrt auf dem Doubs bis auf weiteres – wegen Hochwasser!

Jetzt war es also offiziell… Sooo bescheuert. Wie wütend wir waren, es hätten einfach nur noch 10 verdammte Kilometer gefehlt und alles nur weil wir 3 Stunden auf einen Servicemenschen warten mussten bzw. wahrscheinlich einfach vergessen wurden.

Immerhin war es jetzt offiziell, was unserem ständigen Spekulieren, wann wir denn nun weiter könnten, ein Ende setzte. VNF hatte die Notschleusen geschlossen, es war kein Durchkommen mehr.

Nun heißt es abwarten und Tee trinken – aber nicht zu viel, wer weiß für wie lange unsere nicht mehr ganz so prallen Wasservorräte noch reichen müssen.

Energetisch sind wir zum Glück autark, die Solarzellen geben ordentlich Saft ab – trotz Wolken. Immerhin ein Lichtblick.

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