Close Call

Das Abenteuer sollte noch lange nicht vorbei sein!

Vielleicht lag es daran, dass wir den Flussgöttern noch nicht gehuldigt hatten oder dass wir schon wieder begannen Pläne für die nächsten Tage zu schmieden und abschätzen zu wollen, wann wir wo sein werden. Wer weiß…

Jedenfalls durchfuhren wir eine Schleuse, und machten etwa 10 km, als unsere Drehzahl plötzlich abfiel. Shit! Dazu klang unsere Maschine sehr gequält, und die Drehzahl fiel und fiel. Uns rutschte das Herz in die Hose. Wir waren mitten in der Strömung des kanalisierten Rheins. Rund 10 km/h Strömung und betonnierte Ufer ließen keinen Handlungsspielraum um schnell mal irgendwo anzulegen. Gang raus, und die Drehzahl erholte sich ein wenig auf leicht über Standgas. Vielleicht war was in die Schraube gekommen? Kurz rückwärts einkuppeln und Vollgas, aber viel mehr als 1000 rpm waren nicht drin. So eine Sch***e! Okay, wir hatten nun ein ernsthaftes Problem. Zwar waren zwei Anker vorbereitet als Notlösung für genau diesen Notfall, doch war die Strömung hier so stark, dass wir richtig heftig einrucken würden. Außerdem waren wir mitten im Fahrwasser, was sich in diesem Abschnitt so gut wie bis zum Ufer erstreckte.

Immerhin waren wir mittendrin und liefen kurzfristig nicht Gefahr irgendwo gegen zu donnern. Laut AIS kam uns zwar ein Schiff entgegen, doch ein paar Minuten hatten wir noch. Ich also runter, Motorluke auf und verstehen was gerade passiert. Luftfilter war okay und der Motor wackelte auch nicht mehr als sonst. Dann wird’s wohl die Spritleitung sein. Es dämmerte uns, dass nun das eingetreten war, wovor wir uns schon seit dem ersten Tag gefürchtet hatten:

Dieselpest.

Als ich den Ablasshahn des Diesel-Vorfilters öffnete, um zu sehen ob noch Sprit aus dem Tank kam, lief wirklich garnichts heraus. Ganz im Gegenteil, es wurde Luft eingesaugt. Das war äußerst ungewöhnlich, denn dies bedeutete Unterdruck im Leitungssystem. Es bedeutete auch, dass das Problem zwischen diesem Filter und dem Tank zu lokalisieren war. Nagut. Durch den Abbau des Unterdrucks durch das Luft reinlassen lief der Motor wieder normal, zumindest für ein paar Minuten – na klar, er nutzte jetzt nur noch den Sprit aus den Leitungen, lange würde es nicht mehr dauern und er würde unwiederbringlich absterben.

Nach diesen ersten Schockmomenten, beruhigten wir uns und gingen unsere Optionen durch. Zum Glück war vor uns in ein bis zwei Kilometern ein große Ausbuchtung (vor einem Wehr) mit einem Sporthafen aufgetaucht. Dort mussten wir es hinschaffen, das war unsere einzige Option. Außerdem kam ein kleines Angelschlauchboot in Sicht – mit Außenbordmotor. Der konnte uns dort vielleicht hineinschleppen. Doch auch das entgegenkommende Schiff kam bedrohlich nahe. Ich ließ also den Unterdruck in der Leitung noch einmal abbauen, sodass der Motor wieder ein paar Minuten rund lief. Dann ließen wir das Schiff passieren und schrien dann dem Angler wild gestikulierend zu. Er packte auch wirklich schnell seinen Kram zusammen und raste zu uns. Ich rief ihm zu, ob er uns bitte zum Hafen eskortieren könne, falls der Motor abstirbt. Hat er auch ganz freundlich gemacht. So tuckerten wir ganz langsam weiter, und erreichten nach bangen Minuten die Hafeneinfahrt. Der Angler verabschiedete sich, und wir legten am Gästesteg an.

Das fühlte sich so surreal an. Wir hatten es wirklich geschafft, ohne Schaden an Scarlett oder uns. Wir lagen fest vertäut, nichts konnte mehr passieren. Ungläubig fielen wir uns in die Arme.

Erstmal realisieren was wir gerade für ein Glück gehabt hatten. Motorprobleme mitten in der Strömung, und ausgerechnet hier ist ein Hafen, und ein Angler der uns zur Not abgeschleppt hätte. Das hätte alles ganz ganz anders ausgehen können… #Paul-Glück

Noch ein bisschen aufgeregt liefen wir über den Steg um zu fragen ob wir hier liegen könnten. Da hofften wir noch auf zwei Stunden, doch wir wussten dass wir mehrere Tage hier festliegen würden. Kaum an der Infotafel angekommen, wurden wir zufälligerweise vom Vorstandsvorsitzenden begrüßt. Er wies uns in alles ein, und meinte wir könnten auch mehre Tage bleiben. Als wir von der Dieselpest erzählten, meinte er, dass hier gleich nebenan auch ein Bootsmechaniker sei, der sogar noch offen hatte – es war Samstagmittag. Perfekt! Da klingte sich auch noch ein Seglerpärchen ins Gespräch ein, neben deren Boot wir gerade standen. Sie hatten auch schon Dieselpest gehabt, und würden uns gerne mit Rat zur Seite stehen. Prima 🙂 Also erstmal fix zum Mechaniker bevor der weg war. Unser Plan war, den Tank komplett zu leeren um zu schauen wie viel Dreck, Bakterien und Pilze sich angesammelt hatten. Dazu benötigten wir jedoch eine Dieselpumpe und Kanister, da unsere noch voll waren. Zwar war der besagte Bootsmechaniker extrem unfreundlich und uns alles andere als sympathisch, doch wir hatten keine Wahl und freuten uns einfach nur, dass er uns Kanister und Pumpe übers Wochenende lieh. Wahrscheinlich war das einfach nur nicht sein Tag, denn dass er uns das alles lieh ohne Pfand oder Adresse von uns aufzuschreiben, zeugte schon ziemlich von Gutherzigkeit.

Dieselpest, was ist das eigentlich? In verunreinigtem Diesel können Bakterien und Pilze leben, deren Ausscheidungen zu den berüchtigten Ablagerungen führen. Wichtig ist dafür Wasser als Nährboden, welcher entweder durch Kondenswasser bei einem nicht ganz vollen Tank entsteht oder durch Biodieselanteile gebunden wird. Da wir in Südfrankreich über Monate mit halb vollem Tank bei hohen Temperaturen lagen, wird es das wohl gewesen sein…

Zurück am Boot, begann die Arbeit. Den Füllstandsanzeiger vom Tank abschrauben und über dieses Loch den Tank leer pumpen. Da sich herausstellte, dass ein Kanister von dem Mechaniker Löcher hatte, und wir den Kanister schon halb voll hatten, mussten wir andere Kanister besorgen und alles umpumpen. Dabei lief noch die Dieselpumpe von ihm heiß, doch zum Glück borgte uns das nette Seglerpaar ihre Pumpe. Sie borgten uns auch noch einen Kanister, und boten uns sogar ihr Auto an falls wir Ersatzteile besorgen müssten.

Naja, durch diese ganzen Verzögerungen und das hin- und herlaufen zum Mechaniker dauerte das Tank-Entleeren den ganzen Nachmittag an. Zum Schluss hatten wir ihn bis auf einen kleinen Rest entleert, und sahen das Problem:

Das Bild zeigt die Ansicht von oben in den Tank. Der Boden ist V-förmig, und der Entnahmehahn sitzt an der tiefsten Stelle unten. Das hat viele Vorteile, so sammelt sich zum Beispiel kein Wasser unten im Tank. Es hat aber auch den Nachteil, dass sich Schmutz dort reinzieht. Wenn dieser Schmutz dann Dieselpest ist, war’s das mit der Dieselentnahme.

Wir waren ziemlich froh, dass wir das Problem eingekreist hatten, und dass es offensichtlich wirklich an einem verstopften Dieselhahn am Tank lag. Und da es schon nach 17 Uhr war, wir müde und verölt und morgen auch noch ein Tag war, machten wir Feierabend. Den ganzen Tag über hatten wir neidisch beobachtet, dass hier anscheinend alle mitten im Hafen baden gingen. Das kannten wir von der Küste anders, dort ist es meistens strikt verboten im Hafen zu baden (macht ja auch Sinn). Doch hier war eher Baggersee-Stimmung. Also rein ins kühle Nass 🙂 Der Rhein hatte 25°C, und es war ewig her dass wir schwimmen waren. Man tat das gut! Es gab sogar ne Badeleiter am Steg, und die Leute vom benachbarten Motorboot boten sogar an, dass wir unsere Handtücher bei Ihnen ablegen könnten. Echt lieb! Generell waren hier so ziemlich alle mega freundlich, und viele boten uns Hilfe bei der Dieselpest an.

Danach haben wir die Hängematte eingepackt, sind am Altrhein spazieren gegangen und haben den Abend schaukelnd am Wasser ausklingen lassen 🙂

Am nächsten Tag kam dann die eigentliche Arbeit auf uns zu. Die komplette Spritleitung zerlegen und mit dem Tank zusammen alles reinigen. Dabei fanden wir einige Stücken von Dieselpest – wenn auch zum Glück weit weniger als befürchtet.

Das war der Übeltäter. Was aussieht wie ein Regenwurm in der Dieselleitung war Dieselpest, von glibberiger, fast knetartiger Konsistenz. So ein ekelhaftes Zeug! Schon krass dass das Bakterien und Pilze sind, welche in solcher Form im Diesel leben können.

Ekelhaftes Zeug! Zum Glück hatte es sich im Auslasshahn des Tanks verstopft, und nicht in den Filtern oder im Motor. Nachdem alle Leitungen und Bauteile gesäubert waren, haben wir alles wieder zusammen gebaut. Dann noch den Dieselfilter am Motor gewechselt und Probelauf: Yeah yeah yeah! 😀

Da wir ja gerade eine Ölpumpe zur Hand hatten, machten wir den Motorölwechsel gleich mit. Der soll alle 100 h erfolgen, und wir waren seit der Abfahrt in Les Roches-de-Condrieu nun 99,5 h gefahren. Was für ein Timing.

Die Nacht wurde lang, kurz nach 23 Uhr war das alte Öl raus und der neue Ölfilter dran, und wir füllten wir das neue Motoröl ein.

Am nächsten Morgen noch früh zum Mechaniker um alles zurückzubringen. Den alten Diesel wollten wir entsorgen lassen, um nicht wieder Bakterien im Tank zu haben.

Alter Diesel aus dem Tank

Wir hatten alles in Kanistern im Cockpit gelagert, und durften zum Glück einen ordentlichen Handwagen vom Hafen nutzen um den alten Diesel und das Altöl zum Mechaniker zu bringen.

Entgegen all unserer Befürchtungen war die Entsorgung relativ günstig. Wir verloren trotzdem rund 70L Sprit – der Tank war fast voll gewesen – doch es lief ja alles noch relativ glimpflich ab. Außerdem haben wir uns gleich noch ein Dieseladditiv gekauft, welches wohl das Wachstum der Dieselpest verhindern sollte. Hope for the best!

So waren wir nun wieder bestens gerüstet um weiter zu fahren. Der Schock saß allerdings noch tief in den Knochen, und unser Vertrauen in den Motor musste erst wieder aufgebaut werden. Wir waren schrecklich nervös als wir ablegten… Würde er wirklich einwandfrei funktionieren?

Es half alles nix, wir mussten da durch. Also raus aus dem Hafen, und erstmal einen Kilometer rheinaufwärts um den Motor zu testen. Falls was schief gehen sollte, würden wir wieder halbwegs in den Hafen zurücktreiben. Obwohl die erste Runde hervorragend verlief, drehten wir noch eine zweite Runde. Die Strömung war einfach zu furchteinflößend. Im Standgas wackelte die Drehzahl leider noch ganz leicht. Wir mussten uns entscheiden ob dies vielleicht an ein paar Luftbläschen lag, oder ob wir nochmal alles demontieren wollten. Die Wahl fiel auf die Luftbläschen, und sie schien richtig gewesen zu sein, denn in den nächsten Tagen verschwand dieses Wackeln der Drehzahl.

Also weiter geht’s, auf zu neuen Abenteuern!!!

Es ist schon beeindruckend, wie viel Glück wir hatten (#Paul-Glück). Eigentlich auf unserer gesamten Reise bisher. Natürlich sind wir auch sehr stolz auf die Entscheidungen die wir getroffen haben, und wir sind daran gewachsen. Umso mehr Abenteuer wir durchstehen – gerade von der Sorte bei denen der Ausgang ungewiss ist – umso zuversichtlicher werden wir dass wir auch alle noch kommenden Herausforderungen meistern werden.

Generell ist uns richtig dolle aufgefallen, wie entspannt wir mit der Situation umgegangen sind. Dies war so ziemlich die gefährlichste Situation unserer ganzen Reise bisher, und dafür sind wir echt locker geblieben. Das hat uns sehr gefreut. Offensichtlich hinterlässt der ganze Quatsch hier tatsächlich Spuren, und härtet uns ab! 🙂

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