Höhen Untiefen

Von Tunø wollten wir als nächstes nach Vejle schippern. Für diesen Schlag nach Süden gab es verschiedene Routenoptionen: Wir konnten entweder einen etwas längeren Umweg mit tiefen Wassern nehmen, oder eine deutlich kürzere Strecke – hier waren die Wassertiefen in der Karte allerdings in einem Bereich angegeben, bei dem sich erste Magenkrämpfe bemerkbar machten. Denn es waren über größere Abschnitte Tiefen von 3 bis 5 m in der Karte verzeichnet. Mit Scarletts’s Tiefgang von 1,4 m sollte das zwar passen, aber nur falls die Seekarten recht hatten. Es ist in der Ostsee nämlich gar nicht mal so selten, dass Gezeiten und Wasserströmungen innerhalb kürzester Zeit Sandbänke abbauen und an anderer Stelle wieder aufschichten. Plötzlich kam uns der Abstand zwischen unserem Tiefgang und der in der Karte angegebenen Wassertiefe gar nicht mehr so groß vor. Hmmm…

Glücklicherweise war der Hafen von Tunø dieser Tage gut besucht, und so lernten wir viele andere Segler kennen und kamen ins Gespräch. Unsere direkten Nachbarn hatten mit ihrer deutlich größeren Yacht für diesen Tag das gleiche Ziel – perfekt zum Ausdiskutieren aller Unsicherheiten und Abwägungen. Letztendlich hat uns überzeugt dass die beiden diese Strecke schon öfter gesegelt waren und aus ihrer Erfahrung zu berichten wussten, dass sich in dem besagten Seegebiet noch nie die reale Wassertiefe deutlich von den Kartentiefen unterschied. Ihrer Meinung nach würde dieser Tag ein ganz normaler Segeltag werden. Wir selbst entschieden dann, dass wir es wagen würden. Vor Ort könnte man ja immer noch wachsam sein und sehen wie es ausschaut.

Ab hier begannen die „Untiefen“ …

Also los, bei guter Wettervorhersage, stetigem frischen Wind aus West und bester Laune. Endlich wieder unterwegs sein! Glücklicherweise bemerkten wir recht bald, dass unsere gewählte, „fragliche“ Route eine Art Autobahn auf dem Wasser war: uns kamen Segler in Scharen entgegen und ebenso viele überholten uns. Das mit dem Überholen hätte unserem und vorallem Scarlett’s Ego zwar erspart bleiben können, doch zumindest fühlten wir uns nun sehr sicher und wussten: wo die durchkommen da schaffen wir das auch.

Ha! Als hätte sich unser geliebter Meeresgott Rasmus einen Scherz mit uns erlauben wollen, dachte er sich wohl dass es ja langweilig werden würde wenn auch bei diesem Segeltag nicht zumindest etwas aufregendes passieren würde. Und so kam es, dass die Schäfchen am Himmel immer fetter wurden. Statt den süßen kleinen Schäfchen waren die ersten Elefanten am Himmelshorizont zu entdecken, die in vollem Galopp auf uns zugerast kamen. Das hieß für uns: Klarmachen für Starkwind und Regen. Aufgrund der schon jetzt recht steifen Brise und den zu erwartenden Böjen die mit solchen dunklen Wolken und ihren Schauern einhergehen können, bargen wir vorsorglich alle Segel und starteten unseren Motor. Toni verkroch sich dann nach drinnen während ich mich draußen wie eine Ölsardine in meinem Ölzeug fühlte… Es reicht ja wenn nur einer nass wird.

Und dann kam sie an, die Regenwand:

Hola! Was waren wir jetzt froh, schon in weiser Voraussicht die Segel geborgen und die Maschine angeworfen zu haben. Der Wind kickte richtig rein. Als die Böenwalze uns erfasste, fuhren wir auf Halbwindkurs, das heißt der Wind kam genau von der Seite. Und obwohl wir keine Segel gesetzt hatten, also der Wind nur auf den blanken Mast und die Wanten und Stage wirkte, kränkte Scarlett durch den Winddruck um 20 bis 30 Grad zur Seite. Man, war das gruselig! Dazu ging die Sicht auf unter 20 m runter. Ich war heilfroh dass der Motor schon lief und versuchte einfach nur noch Kurs zu halten.

Nach etwa zwei Minuten war der Spuk dann auch schon wieder vorbei. Die Wolke war durchgezogen, es hörte auf zu regnen und der Wind nahm wieder auf ein angenehmes Maß ab. Also raus aus den nassen Klamotten und rauf mit den Segeln.

Jetzt waren wir auch so langsam aus dem Bereich des flacheren Wassers heraus, und rundeten das letzte Kap vor der Einfahrt in den Vejle. Ach was war das Leben wieder schön! Toni übernahm liebenswürdigerweise für den letzten langen Schlag Richtung Vejle-Fjord das Steuer und die Wache, während ich erstmal eine gute Mütze Schlaf nahm.

© OpenStreetMap contributors

Für diesen Abend beschlossen wir, noch nicht ganz nach Vejle den Fjord hinein zu segeln. Der Tag war lang genug gewesen, und hier am Eingang des Fjords gab eine eine Steilküste, die uns sehr gut gegen den Westwind schützen könnte wenn wir dicht unter ihr ankerten. Gesagt getan, und schon begrüßte uns die „Rosenbucht“ mit einem traumhaften Sonnenuntergang.

Eine erholsame Nacht und ein ausgiebiges Frühstück später stellten wir uns der Aufgabe des heutigen Tages: Bei relativ starkem Wind gegenan den Vejle-Fjord hochkreuzen. Scarlett ist zwar aufgrund ihrer Bauart nicht die sportlichste Dame hoch am Wind, doch auch sie kommt ans Ziel 🙂

Kurz vor dem Ziel – Vejle – begann die Fahrrinne und somit für uns das Motoren. War aber nicht schlimm, so konnten wir gemütlich die Szenerie bewundern, mal wieder eine Brücke unterfahren und die krassen Neubauten am Wasser schon aus der Ferne bewundern.

Kaum angelegt, gingen wir auf Erkundungstour. Wir wussten dass wir in Vejle ein paar Tage verweilen würden (höhö), da ein Geburtstag anstand und wir dafür Besuch erwarteten. So verbrachten wir einige schöne Tage in dieser Stadt, die uns sehr gut gefallen und extrem beeindruckt hat. Ich glaube, wir kommen irgendwann nochmal hier her!

Geburtstagsessen! Der krasse Hafen hier bot für alle Segler kostenlose Gasgrills und einen großen, wunderschönen Gastraum mit komfortabler Küche. Läuft hier.

Während unserer ausgiebigen Stadtspaziergänge schauten wir uns auch mehrere Galerien und ein Kunstmuseum/Startup-Kollektiv an. Sehr faszinierend, wie die Stadt hier versucht das Potenzial ihrer Einwohner zu fördern.

Nach mehreren Tagen hier endete auch dieser wunderschöne Abstecher nach Vejle für uns, und wir machten uns wieder auf Richtung Süden. So langsam kamen wir in „Ankommen-Stimmung“: wir konnten Kiel schon fast riechen und begannen Pläne für die Zeit in Kiel – nach dieser Reise – zu schmieden.

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